Zeitenwende

4. März 2022

Der durch nichts zu rechtfertigende und völkerrechtswidrige Angriffskrieg Wladimir Putins auf die Ukraine markiert einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte. Nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU hat man innerhalb weniger Tage ein Maß an Entschlossenheit und Tatkraft entwickelt, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Dazu gehört ein Umfang an beschlossenen Sanktionen, wie er bis heute so noch nicht beobachtet wurde. Welche wirtschaftlichen Auswirkungen wird der Krieg zwischen Russland und der Ukraine auf die Weltwirtschaft und auf uns haben? Leider lassen sich mögliche Effekte bislang nur sehr grob einschätzen. Angesichts der umfassenden Sanktionen könnte die russische Wirtschaft dieses Jahr um zehn, vielleicht sogar um zwanzig Prozent einbrechen. Isoliert betrachtet würde dies das globale Wirtschaftswachstum um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte reduzieren. Das Risiko, dass die Weltwirtschaft einen starken Abschwung oder sogar eine neue Rezession erlebt, scheint aus heutiger Sicht somit gering zu sein. Allerdings leidet nicht nur die russische Wirtschaft, auch in anderen Ländern wird sich das Wachstum verringern. 

So auch bei uns in Deutschland. Unterstellt man einen Einbruch der Exporte um 80 Prozent würde sich isoliert betrachtet ein BIP-Rückgang von 0,6 Prozentpunkten ergeben. Allerdings wird Deutschland auch wesentlich weniger Güter aus Russland importieren (Annahme Rückgang von 40 Prozent), wodurch der Nettoeffekt auf etwa 0,4 Prozentpunkte abgemildert würde. Neben den direkten Handelseffekten gibt es jedoch weitere negative Auswirkungen aufgrund der stark steigenden Rohstoffpreise und neuer Lieferkettenprobleme. Bislang haben wir für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von knapp vier Prozent in diesem Jahr erwartet. Angesichts der aktuellen Entwicklungen reduzieren wir diese Prognose nun auf drei Prozent. Die Gefahr einer Stagflation (wirtschaftliche Stagnation gepaart mit hoher Inflation) oder einer Rezession halten wir im Moment noch für gering. Dies aktuelle Situation könnte aber dazu führen, dass die Globalisierung in den nächsten Jahren zurückgedrängt wird und an Bedeutung für den Welthandel verliert. Der Kalte Krieg wirft seine negativen Schatten voraus, auch hier stehen wir vor einer Zeitenwende. Langfristig wollen wir aber den positiven Blick nicht verlieren: Der Ukraine-Krieg wird am Ende vielleicht zu einer Initialzündung für die Vereinigten Staaten von Europa, die sich dann weniger traumtänzerisch durch die Welt bewegen und stattdessen in der Lage sind, im Sinne der Bürger strategische Ziele zu definieren und sie dann auch zu erreichen.

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